| Abstract |

Swetlana Alexijewitsch

Tschernobyl ist nicht vergessen

Tschernobyl ist nicht vergessen ... Tschernobyl ist nicht gedeutet, nicht verstanden worden - als Zeichen. Als Zeichen aus der Zukunft. Als Vorbote der Ängste, die die Menschheit in der Zukunft erwarten. Tagtäglich wird uns erneut bewusst, dass wir uns unsere Zukunft nicht vorstellen können, dass sie bereits nicht nur jenseits unseres Wissens liegt, sondern auch jenseits unserer Vorstellungskraft. Seit Tschernobyl ist die Welt endgültig unvorhersagbar geworden. Wir müssen uns etwas eingestehen, was früher undenkbar war: Die Vergangenheit kann uns nicht mehr schützen. Tschernobyl hat unsere frühere Welt gesprengt. Unseren früheren Glauben, unsere früheren Ideale und Hoffnungen. Wir sind in eine neue Realität geworfen worden, in der wir vor Entsetzen die Augen verschließen und uns durch Unwissenheit schützen möchten, durch das Bestreben, diese Erschütterung so schnell wie möglich zu vergessen. Unsere Gefühle und unsere Worte bleiben zurück hinter dem, was mit uns geschieht, aber wir müssen den Mut aufbringen, uns das einzugestehen. Müssen uns erinnern. Damit wäre der erste Schritt bereits getan. Anders werden wir nicht überleben. Auf dieser Erde, von der wir seit kurzem wissen, wie klein sie ist.
Angst schützt nicht vor der Angst, Unwissenheit nicht vor der Notwendigkeit zu wissen, aber Tschernobyl kann uns vor Tschernobyl schützen. Vor der Zukunft.